
Selbsthilfe bedeutet nicht, alleine stark zu sein.
Arbeitskreis Depressionen und Ängste
Sondern gemeinsam Wege zu finden.
Selbsthilfegruppen leben vom gegenseitigen Austausch, von Vertrauen und davon, dass Menschen mit ähnlichen Erfahrungen einander auf Augenhöhe begegnen. Dabei entsteht oft etwas Besonderes: Viele unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Gedanken verbinden sich zu einer gemeinsamen Stärke.
In diesem Beitrag geht es um genau dieses Thema – um Schwarmintelligenz innerhalb einer Selbsthilfegruppe.
Den Anstoß dazu gab ein Erfahrungsbericht eines Gruppenleiters aus der Selbsthilfegruppe Ditzingen. Er besuchte eine Fortbildung der Selbsthilfe-Kontaktstelle Rems-Murr-Kreis und teilte seine Gedanken anschließend mit uns. Seine Eindrücke haben ein Thema aufgegriffen, das auch uns in der Gruppenarbeit immer wieder begegnet:
Welche Rolle hat eigentlich eine Gruppenleitung in einer Selbsthilfegruppe?
Um diesen Gedanken besser einordnen zu können, möchte ich zunächst kurz erklären, wie unsere Gruppenarbeit grundsätzlich aufgebaut ist.
Die meisten Selbsthilfegruppen werden von ehrenamtlichen Gruppenleiterinnen und Gruppenleitern organisiert und begleitet. Dabei handelt es sich nicht um professionelle Therapeutinnen oder Therapeuten, sondern ebenfalls um Menschen, die selbst von Depressionen und/oder Ängsten betroffen sind.
Damit die Ehrenamtlichen in ihrer Rolle unterstützt werden und ein gemeinsames Verständnis von Selbsthilfe entwickeln können, bieten Selbsthilfekontaktstellen – wie unsere Selbsthilfe-Kontaktstelle Rems-Murr-Kreis – sowie Krankenkassen regelmäßig Fortbildungen und Supervisionen an.
Ich finde es wichtig, diese Hintergründe auch für Betroffene und Interessierte transparenter zu machen. Deshalb möchten wir die folgenden Gedanken und Erfahrungen hier in unserem Blog teilen.
Gedanken zur Schwarmintelligenz in der Selbsthilfe
Am vergangenen Samstag war ich auf einer Fortbildung in Waiblingen zur „Lebendigen Selbsthilfe“, organisiert von der Selbsthilfe-Kontaktstelle im Rems-Murr-Kreis. Die Referentin, Sozialpädagogin Franziska Anna Leers, hat das Thema richtig lebendig gemacht – mit viel Herz und spannenden Denkanstößen.
Der zentrale Punkt waren für mich ihre Antworten auf „Was bedeutet eigentlich Leitung in einer Selbsthilfegruppe?“
Ich erhielt innerhalb unserer Gruppe schon die Kritik „die Gruppenleitung müsste mehr führen!“ und genau da lohnt sich ein Blick auf das Grundverständnis der Selbsthilfe: Eine Leitung im klassischen, autoritären Sinn passt nicht in eine Selbsthilfegruppe!
In diesem Zusammenhang wurde uns Harrison Owen vorgestellt – und nein, nicht zu verwechseln mit L. Ron Hubbard 😉. Owen ist im englischsprachigen Raum eine bekannte Stimme, wenn es um selbstorganisierte Gruppen geht. Er hat die Open Space Technology entwickelt – ein Prinzip der offenen, selbstgesteuerten Zusammenarbeit.
Ganz kurz erklärt:
Open Space ist eine Methode, bei der Gruppen ohne feste Agenda oder Vorgabe arbeiten. Die Teilnehmenden selbst bringen die Themen ein, über die sie sprechen oder an denen sie gemeinsam arbeiten möchten. Das schafft eine Atmosphäre von Eigenverantwortung, Kreativität und echter Beteiligung.
Mich hat das Konzept sehr angesprochen, denn vieles davon bestätigt, wie ich meine eigene Arbeit in der Selbsthilfegruppe bisher verstehe.
Owen beschreibt die Rolle der Leitung als „absurd einfach und zugleich sehr anspruchsvoll“: weil die Leitung im Grunde nur für Zeit, Ort und Thema sorgt.
Anspruchsvoll, weil sie danach loslassen muss – und zulässt, dass die Gruppe ihren eigenen Weg findet.
Führung, so Owen, heißt in diesem Sinne also „es geschehen zu lassen“, statt zu kontrollieren oder zu organisieren. Denn sobald man Ordnung erzwingen will, erstickt man die Lebendigkeit, die Selbstorganisation braucht.
Das bedeutet für mich:
- Die Aufgabe der Leitung ist Rahmen und Sicherheit zu geben, nicht Inhalte zu bestimmen.
- Selbsthilfe heißt Verantwortung teilen, nicht Verantwortung abgeben.
- Wenn jemand „mehr Führung“ erwartet, steckt oft ein Wunsch nach Sicherheit dahinter – den die Gruppe gemeinsam tragen kann, ohne eine Autorität dafür zu brauchen.
Ein sehr schönes Bild, das in der Fortbildung aufkam, war das eines Vogelschwarms:
Alle fliegen gemeinsam in eine Richtung, in wärmere Gefilde oder zu besseren Nahrungsplätzen. An der Spitze wechselt sich der Leitvogel immer wieder mit anderen ab – der Leitvogel bekommt über eine begrenzte Zeit die Verantwortung für Schwarm übertragen und gibt dann weiter. Jeder Vogel trägt ein Stück zum großen Ganzen bei – das nennt man Schwarmintelligenz!
Das ist gelebte Selbstorganisation: dynamisch, unterstützend und aufeinander eingespielt – ganz ohne Chef.
Und so sehe ich die möglichst flache Organisation einer Selbsthilfegruppe.
Sie ist für die Teilnehmenden kein Ort zum Zurücklehnen, Zuschauen oder des Konsumierens. Sie lebt davon, dass alle etwas beitragen, dass wir gemeinsam denken, fühlen, betroffen sein, lachen – und Wege suchen.
Sie sollte im besten Fall ein Ort höchster Authentizität sein, außerhalb der gesellschaftlichen Erwartungen, ein geschützter Ort an dem man sich offenbaren und zeigen kann.
Wenn Gruppenteilnehmer nur noch warten, was „die Leitung heute vorbereitet hat“, ist sie im Grunde schon auf dem Rückzug in die Passivität und die Gruppenleitung sollte sich dann nicht herausgefordert fühlen dann den Entertainer zu spielen. Darum nehme ich für mich von der Fortbildung mit:
Führung in der Selbsthilfe heißt nicht, noch mehr zu tun oder noch mehr zu steuern – sondern die Gruppe immer wieder sanft daran zu erinnern, dass alle miteinander Verantwortung tragen.
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